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Geschenkte Zeit - von unvorhergesehenen Zeitinseln und anfänglicher Ratlosigkeit

Ein trüber Tag Anfang März, die Arbeitswoche aufgebraucht, aber noch stapelweise Arbeit auf dem Schreibtisch. Ich bin mit einer lieben Freundin zum Essen beim Lieblingsitaliener verabredet. Mehrere Wochen hatten wir mögliche Termine hin- und her gemailt und ich musste unser Treffen schon mal verschieben. Jetzt aber!

 

Eine Verabredung bindet immer Kapazitäten. Nicht nur die Zeit des Treffens an sich, sondern bereits die Planung drum herum. Man stellt sich darauf ein, plant den Tag um seine Termine und Verabredungen herum, freut sich und schaut, dass man pünktlich aus dem Büro heraus kommt. Was mir manchmal schwer fällt, denn ich könnte ja noch kurz dies und das erledigen... Und schwupps sind es nur noch 4 Minuten, mein Mantel hängt noch am Kleiderbügel und mit hohen Schuhen bis in die Innenstadt übers Kopfsteinpflaster kostet nochmal mehr Zeit. Also spute ich mich und biege beim Italiener ein - sie ist noch nicht da. Gut, dann bin ich nicht zu spät.

 

Ich bestelle meine Apfelschorle und werfe schon mal einen Blick in die Karte, schreibe noch ein paar Nachrichten, stelle mein Handy auf lautlos. Passt. Schaue auf die Uhr. Komisch, dass sie noch nicht da ist. Eigentlich ist sie die Pünktlichkeit in Person. Nachdem ich 10 Minuten gewartet habe, tippe ich eine kurze Nachricht. "Hey, bist du schon unterwegs?"

Kurz darauf klingelt das Telefon und meine Freundin meldet sich zerknirscht, dass sie unsere Verabredung total vergessen hat. Das hatte ich schon befürchtet, leider zerschlagen sich meine Hoffnungen, dass sie noch nachkommt. "Es tut mir total Leid, aber ich kann nicht nachkommen. Geht absolut nicht, sorry. Lass uns einen neuen Termin ausmachen und ich lade dich dann ein. Es tut mir wirklich Leid." Und das glaube ich ihr, sie klingt richtig geknickt.

 

Und plötzlich sitze ich am Tisch und bin allein. Das war ich vorher auch schon, aber meine Zeit war ja verplant. Jetzt plötzlich nicht mehr. Ich habe also mehrere Optionen: 1. Mich ärgern 2. Die Apfelschorle bezahlen und wieder ins Büro gehen. Würde mein Gewissen beruhigen. 3. Bleiben und gemütlich alleine essen. Mich über meine Freundin zu ärgern kommt nicht in Frage, mir hätte das genauso gut passieren können. Ohne synchronisierten Familienkalender, Terminerinnerungen und Post-Its bin ich total verloren. Ich entscheide mich für Option 3. 

 

Zeitinseln: Geschenkte Zeit annehmen

 

Und was mache ich denn jetzt mit meiner Zeit? Im ersten Moment überkommt mich Ratlosigkeit. Wenn ich jetzt im Büro oder zuhause wäre würden mir tausend Sachen einfallen, wie ich das Zeitfenster schließen könnte, das sich eben aufgetan hat. 

Ich kann mich nicht erinnern, mir selbst schon einmal die Zeit genommen zu haben, um alleine zum Italiener zu gehen. Meist bin ich damit beschäftigt, alle möglichen Dinge in möglichst kurzer Zeit erledigt zu bekommen. Und auch jetzt ist das Verlangen groß, einfach meine Sachen zu packen, wieder ins Büro zu gehen und die Stapel abzuarbeiten. Trotzdem entscheide ich mich anders. Ich atme tief durch und mache mir bewusst, dass ich die nächste halbe Stunde ganz einfach mit mir selbst verbringe, gefesselt an einen Tisch im Restaurant mit seinen begrenzten Möglichkeiten. Die Zeitinsel als unvorhergesehenes Geschenk betrachte.

 

Zuerst mal bestelle ich ein wunderbar leckeres Essen, lasse meine Gedanken schweifen und beobachte die Menschen um mich herum. Was mich natürlich lockt ist mein Smartphone und ich könnte die nächste halbe Stunde auch nur damit verbringen. Ich zwinge mich dazu, dem Drang zu widerstehen und es nicht zu tun (o.k., ab und zu habe ich schon mal drauf geschielt, natürlich nur um die Uhrzeit zu checken). Ich höre leise die italienische Musik, von den Nachbartischen schnappe ich Gesprächsfetzen über Kindererziehung und Seniorentreffen auf und genieße den Duft der italienischen Gerichte. Mir fällt auf, dass ich das sonst gar nicht so intensiv wahrnehme wenn ich hier bin. Meist bin ich mit Kollegen oder Freunden in Gespräche vertieft. Mein Essen schmeckt irgendwie auch intensiver als sonst, mir fallen viel mehr Geschmacksnuancen auf. Ab und zu komme ich mir kurz beobachtet vor und frage mich, was die andern jetzt wohl von mir denken. Aber eigentlich ist das auch egal.

 

Sich selbst stellt man in der Priorität oft hinten an

 

Ich sinniere darüber, dass es im Alltag nicht so einfach ist, sich die Zeit für sich zu nehmen. Der Schreibtisch ist voller Arbeit, zuhause wartet die Familie mit ihren Freuden und Pflichten und sich selbst stellt man in der Priorität oft hinten an. Und irgendwie klingt es ja auch komisch. "Ich war heute Mittag essen." - "Ach ja, mit wem denn?" - "Allein. Einfach nur so."

Viele von uns glauben, eine Rechtfertigung dafür haben zu müssen, wenn wir uns Zeit für uns selbst nehmen und dabei auch noch etwas Schönes (!) tun. Dabei sollte es das natürlichste sein, denn für sich sein hilft runterzukommen, mal einen Gang zurückzuschalten, vom Alltag (egal ob Beruf oder Familie) zu pausieren und Kraft zu tanken. Wir müssen es nur zulassen und auch solche Momente annehmen und sie uns gönnen. Wer sagt dir denn, dass das nicht geht? Nur du selbst. Sag dem Hamsterrad, dass du dich etwas verspätest, es ist dann immer noch da. 

 

Nach dem Essen bestelle ich mir noch einen gemütlichen Espresso und beschließe, mich öfter mal mit mir selbst zum Essen zu verabreden. Meine Freundin schickt mir indes schon den nächsten Terminvorschlag aufs Handy mit dem Zusatz "Du bist nächstes Mal dann eingeladen :-)".

 

 

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